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Corona-Maßnahmen, ja - aber: "Strategiewechsel dringend nötig"

Corona+: "Wir bewegen uns im Bereich der Mutmaßungen"

Der Kölner Internist Prof. Dr. Matthias Schrappe
Der Kölner Internist Prof. Dr. Matthias Schrappe

 

Vorige Woche hat die Kanzlerin eine Regierungserklärung zu den neuen Corona-Regeln, die in den nächsten Wochen gelten, abgegeben. Einschränkungen gibt es weiterhin. Sie werden teilweise, auch von den einzelnen Bundesländern selbst, noch verstärkt oder gelockert werden können. Neue Verordnungen gelten seit 01. 12. in den einzelnen Bundesländern für die kommenden vier Wochen.

 

Aus dem Gesundheitswesen gibt es unterschiedliche Meldungen. Sachsens Kliniken, vor allem im Osten des Bundeslandes, sind teilweise schon überlastet. Der Aufbau eines Notkrankenhauses wird erwogen (Quelle HIER). Täglich kommen neue Patienten mit COVID-19-Infektion - sie müssen behandelt werden. Pflegepersonal, Ärzteschaft und die räumliche Kapazität kommen an ihre Grenzen. Es gibt hier sicher regionale Unterschiede. Landesteile, die jetzt schon keine Kapazität mehr haben und andere, wo es nicht so schwierig zu sein scheint. Und es gibt immer mehr Kranke, die in Kliniken behandelt werden müssen. Eine Krankenschwester, die ich kenne, spricht von einer Situation in ihrem Arbeitsbereich, die sie persönlich in der Massivität in ca. vierzig Dienstjahren noch nie erlebt hat. Ihr glaube ich das. 

 

Ich selbst kenne einige Leute, die nicht nur positiv auf COVID19 getestet wurden und / oder in Quarantäne waren, sondern auch krank geworden sind. Ein paar von ihnen, drei,  kamen ins Krankenhaus und wurden mittlerweile wieder entlassen, eine junge Frau hatte fast 41 Grad Fieber und kurierte sich zu Hause aus. Ein 76jähriger muss zur Zeit  auf der Intensivstation behandelt und beatmet werden. Mehrere wieder Genesene haben jetzt noch mit Schlappheit, Kurzatmigkeit, Verlust von Geschmacks- und Geruchssinn und anderen Beeinträchtigungen zu tun, andere haben keine Probleme. Über eventuelle Spätfolgen dieser Infektion kann man noch wenig sagen, über die Impfstoffe in Vorbereitung auch nicht.

 

Es ist also nicht die Frage, OB etwas, sondern WAS richtigerweise bei Bekämpfung dieser Viruserkrankung getan werden muss.

 

Panikmache gehört auf jeden Fall nicht zu den richtigen Werkzeugen in dieser Zeit. Und auch Ignoranz nicht.

 

Deshalb finde ich  Äußerungen wie die letzte Woche von Markus Söder, dem bayrischen Ministerpräsidenten nicht richtig. Er hatte im Zusammenhang mit den 410 gemeldeten Corona-Todesfällen des Tages (25.11.2020) gesagt: "Es ist so, als ob täglich ein Flugzeug abstürzt." (Quelle HIER). Als im Bild bleibender Zyniker könnte man sagen: Es stürzen dann täglich in Deutschland ca. sechs Flugzeuge ab, denn soviele Menschen (ca. 2500) sterben täglich an Altersschwäche, Krankheiten, Unfällen, aus sonstigen Gründen. Auch, wenn EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagt, das jetzt täglich 3000 Menschen in der EU an Corona stürben und dass Corona die stärkste Todesursache heutzutage EU-weit wäre, dann macht das nur Panik, Angst oder zumindest Ärger (Quelle HIER). Außerdem stimmt es nicht. Es sterben wesentlich mehr Menschen in der EU täglich als 3000. Und zwar nicht an Corona, sondern an Altersschwäche und / oder Herzkrankheiten, Krebs und aus anderen Gründen. 

 

Was bleibt aber beim Leser / Hörer solcher Sätze hängen: Flugzeugabsturz, 3000 Tote, schlimmste Gefahr. Auch die immer wieder in Deutschland genannte Todeszahl im Zusammenhang mit Corona  ohne Bezug zu anderen Zahlen verzerrt das Bild. 

 

Wer hier nicht genauer nachdenkt, Zahlen ins Verhältnis setzt und überlegt, wie das zusammenpasst, der fällt rein gefühlsmäßig in Angst oder er glaubt das alles gar nicht mehr. Beide Extreme sind nicht gut. Der Vertrauensverlust ist groß. Ich merke es bei mir selbst. Was sollen also diese Aussagen? Den Bürger verunsichern, ängstigen und brüskieren, damit von ihm die Regeln besser befolgt und Mitbürger denunziert werden?

 

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Fazit:

 

JA: Es ist wichtig, etwas gegen diese Viruskrankheit zu tun. ABER: Scheinbar brauchen wir einen Strategiewechsel, denn das Virus wird uns weiter beschäftigen. Dazu gehört ein Eingestehen der bisherigen Fehleinschätzungen und die Korrektur der darauf basierenden Entscheidungen. Wer etwas macht, macht auch was falsch. Wer was entscheidet, kann sich irren. Er hat die Möglichkeit, sich zu korrigieren.

 

Renommierte Wissenschaftler unseres Landes haben dazu ein Positionspapier erarbeitet. Es fordert unter anderem den besonderen Schutz von höher gefährdeten Personengruppen und weist auf Irrtümer im heutigen Umgang mit dem Virus hin. Hinter dem Button am Beitragsende findest Du Herrn Professor Dr. Schrappe, der seinen Standpunkt darlegt.

 

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Mir geht es nicht darum, mich nicht mehr einschränken zu müssen und so weiterleben zu können wie früher. Ich kann und will mich einstellen auf das Notwendige. Aber ich möchte nicht an der Nase herumgeführt, sinnlos erschreckt, belogen oder verunglimpft werden, wenn ich Maßnahmen hinterfrage.

 

Ich wünsche mir eine handlungsfähige Regierung in Zusammenarbeit mit Fachleuten, die keine Getriebenen sind und einen konstruktiven, offenen Dialog der verschiedenen Meinungen. Solche Kommentare wie der von RTL-West-Chef Jörg Zajonc sind deshalb wichtig (26. 11. 2020):

 

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Hier ein Auszug des Positionspapiers der Wissenschaftler um Herrn Prof. Dr. Schrappe, am Beitragsende dann das ganze Dokument zum Nachlesen (Quelle):

 

"These 1: Ein Strategiewechsel ist notwendig. Der asymptomatische Infektionsweg und der Stand der (sporadischen) Ausbreitung macht eine Kontrolle der Infektion allein durch Kontaktvermeidung und -nachverfolgung unmöglich. Als wichtigste Voraussetzung gelten valide, reliable und erreichbare Zahlenwerte, die zur Gestaltung spezifischer Präventionsangebote für die verletzlichen Gruppen der Bevölkerung herangezogen werden können. Zwei konkrete, neu entwickelte Vorschläge (notification index NI und Hospitalisierungs-Index HI) werden hier vorgestellt. Vor diesem Hintergrund ist das Festhalten am Narrativ einer Bedrohung à la Bergamo mit modernen Methoden der Risikokommunikation und –bewältigung nicht vereinbar. "

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