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Schloss Nossen

Über Äbte, Gräfinnen und arme Räuber

Schloss Nossen, Schlossbrücke zum Eingangstor
Schloss Nossen, Schlossbrücke zum Eingangstor

 

Am Freitag Nachmittag, einem bedeckten Sommertag mit angenehmen Temperaturen, machen wir als Wochenendauftakt nach getaner Arbeit einen kleinen Ausflug.

 

Und zwar nach Nossen. Zum Schloss. Davon erzählen wir Dir heute.

 

Begleite uns ein Stück, wenn Du möchtest. 

 

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In Nossen angekommen, gehen wir vom Markt aus an der Schlosskirche vorbei zum Schloss hinauf.

 

Über die steinerne Brücke kommen wir ans Tor. Vielleicht erkennst Du es. (Das Tor schmückt die Startseite der Täterwerkstatt.)

 

Wir gehen hindurch und stehen im Schlosshof. Die Sonne scheint noch warm und steht schon ziemlich tief. Es ist zeitiger Abend. Licht und Schatten spielen. Die Blätter der Bäume und Sträucher leuchten oder stehen schattendunkel. Das Schlossmuseum hat längst Feierabend. Wir können heute nicht hinein. (Zum Glück haben wir noch zwei Bilder aus dem Schlossinnern auf Lager.) Die Bewohner der Schlosswohnungen sind noch unterwegs oder schon in ihren Gemächern. Ruhe liegt über dem großen Hof.

 

Wir schlendern herum und gucken neugierig in die verzweigten Gebäude und Gärten. Wir sind allein. Vögel singen. Die Umgebung wirkt.

 

Was ist das für ein Ort?

 

Inmitten von Nossen, einer kleinen sächsischen Stadt an der Mulde, liegt Schloss Nossen auf einem Felsstück. An dieser Stelle wurde schon im 12. Jahrhundert eine Burg gebaut, sie gehörte den Rittern von Nozin und diente später als Bischofssitz der Meissner Bischöfe, Abtssitz des Klosters Altzella, Amt und Gefängnis .

 

Im 16. Jahrhundert ließ Kurfürst August von Sachsen (nicht der Starke!) das Gebäude  zum Jagd- und Reiseschloss umbauen. Damals erhielt es auch seine drei rundlichen Türme, die in Richtung Markt gucken. Mich erinnert es damit immer ein bissel an Schloss Moritzburg. Seit dem 17. Jahrhundert, als es Schlossbrücke und Torhaus bekam, sieht es so aus wie jetzt.

 

Auf der Website des Schlosses erfährst Du mehr zur Schlossgeschichte, den aktuellen Veranstaltungen und sonstigen Besonderheiten, die es hier so gibt. Klicke hier auf die rote Schrift:

 

MEHR zu Schloss Nossen

 

👑Unser Geheimtipp siehe Bilder unten👑:

 

Gehe an der Südseite die Mauer in Richtung Osten, an der kleinen Bank vorbei. Dann findest Du rechts einen Hintertreppe, die an einer Mauer entlang führt, s. Bilderreihe, Mitte. Ganz unten angelangt, gehe nicht geradeaus durch die braune Holztür, auch nicht nach links durch die rostige Stahltür. Sondern nach rechts durch den Mauerdurchgang.

 

Du trittst in einen stillen Winkel, nur mit Gras bewachsen. Ein altes, zerborstenes Wasserbecken steht noch da. Vielleicht war das mal der Küchengarten mit Kräutern und Gemüse. Kann man sich vorstellen. Ein guter Platz zum Hinsetzen und Sonne genießen.

 

Lieblingsplatz: Hier war vielleicht mal der Küchengarten.
Lieblingsplatz: Hier war vielleicht mal der Küchengarten.

 

So ein altes Schoss hat schon viel erlebt. Aufbau und Niedergang, verschiedene Besitzer und unterschiedlichste Nutzung, Zerstörung und Erneuerung, Besucher und Gefangene, Feste und Prozesse. Es gibt einen Festsaal, aber auch ein Verließ.

 

Auch heute wird ein Teil des Schlosses für ganz normale Wohnungen genutzt. Das gefällt mir sehr. Da würde ich auch gern wohnen. Nicht nur das Schloss, auch die Umgebung ist schön.

 

Und es birgt jede Menge Geschichte und Geschichten.

 

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Anna Constantia Reichsgräfin von Cosel (unbekannter Maler, 1705)    www.wikipedia.de
Anna Constantia Reichsgräfin von Cosel (unbekannter Maler, 1705) www.wikipedia.de

 

So war zum Beispiel die Gräfin Anna Constantia von Cosel hier in der Adventszeit des Jahres 1716 gefangen. Sie war außer der Fürstin von Teschen die berühmteste Mätresse Augusts des Starken. Bis heute ist sie eine schillernde, interessante Person.

 

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Wir in unserer heutigen Zeit müssen uns klar machen, dass die Mätresse eines Herrschers damals nicht einfach eine Gespielin mit einseitigen Reizen war. Sondern diese Frau hatte ein Amt inne. Offizielle Mätresse war nur eine Frau, die am Hofe amtlich als solche vorgestellt wurde. Sie sollte als schöne, kluge, gebildete und gewandte Gastgeberin dem jeweiligen Hofstaat bereichern. Sie hatte Rechte und Pflichten. Auch ihr Verhalten der Gattin des Herrschers gegenüber war geregelt. Die Mätresse bezog ein Gehalt und hatte Einfluss auf politisches Personal und die Diplomatie.

 

Später ist dann das Wort eher zum Schimpfwort geworden und bezeichnet die Dauergeliebte eines reichen Mannes, die von ihm auch Geld bekommt. Das hat mit dem Mätressentum früherer Zeit nichts zu tun.

 

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Man hatte die Gräfin in Preußen festgenommen, wohin sie vor Augusts Willkür geflohen war. Nun wollte man sie auf Burg Stolpen bringen.

 

Damit Frau von Cosel sich nicht mehr in die sächsische Politik einmischen und das ihr schriftlich gegebene Eheversprechen von August dem Starken einfordern konnte. Darauf hatte sie bestanden, um sich und ihre Kinder für die Zukunft abzusichern.

 

Als sie Augusts Mätresse wurde, war sie auch kein unbeschriebenes Blatt mehr, sondern hatte schon ihre Erfahrungen gemacht. Als Mädchen war sie am Hofe von Schloss Gottorf im heutigen Schleswig- Holstein als Hoffräulein tätig und bekam eine höfische Ausbildung. Hier ging sie ein Verhältnis ein und wurde ungewollt schwanger. Das Kind wurde weggegeben. Anna Constantia verließ den Hof.

 

Später heiratete sie Herrn von Hoym, einen sächsischen Steuerbeamten. Dieser reichte nach kurzer Zeit die Scheidung ein mit der Begründung, seine Frau sei "hinterhältig und herrschsüchtig". Andererseits gibt es über Herrn von Hoym auch einige unangenehme Dinge, die überliefert wurden. So zum Beispiel bösartiges Verhalten zu seiner Ehefrau. Damit war unter anderem gemeint, dass er seine Geliebte mit nach Hause brachte und seiner Gattin vor die Nase setzte.

 

Die jetzigen Forderungen seiner Mätresse Gräfin von Cosel störten den sächsischen Herrscher August den Starken gewaltig, weswegen er sie irgendwie loswerden musste, diese Frau.

 

Eine gütliche Einigung mit der sicher tief Beleidigten und Enttäuschten war fehlgeschlagen. August hatte sich Mühe gegeben. Aber die Gräfin hat alle Angebote ausgeschlagen. Sie verfolgte ehrgeizige Pläne.

 

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Man sagt ihr außer ihrer Schönheit Witz, Klugheit, Gewandtheit und Ehrgeiz nach. Aber auch Hochmut und Dünkel. Das zu beurteilen maße ich mir nicht an. Sicher gab es für sie Verlockungen der Macht und des Reichtums, die nicht immer den Charakter verbessern.  Aber mit Sicherheit hatte Frau von Cosel auch jede Menge Neider, die wie immer dummes Zeug erzählen.

 

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August hatte bereits eine neue Mätresse, die nicht nur zu seiner eigenen Freude da war, sondern als polnische Adlige auch politisch für ihn gut war. Immer wieder gab es Streit und Kämpfe um die Macht im Königreich Polen. Schließlich strebte auch August nach der polnischen Königskrone und hat sie dann auch bekommen.

 

Die Krone 1697. Die neue Mätresse, Frau von Dönhoff, später. Diese Dönhoff wurde von Frau von Cosel attackiert, was August natürlich nicht gefiel. Anna Constantia war nicht nur gebildet und schön. Sie konnte auch sehr gut reiten und fechten und war eine ausgezeichnete Schützin. Das war bekannt und hat Madame Dönhoff Angst gemacht.

 

Deshalb nun Stolpen für Anna Constantia. Ihre drei Kinder, die sie mit August hatte, wurden getrennt von ihr am Dresdner Hof erzogen.  In Stolpen sollte Frau von Cosel ihr ganzes weiteres Leben verbringen, immerhin 49 Jahre ! Schwer vorstellbar.

 

Soweit ich verstanden habe, blieb sie nach Jahrzehnten der Gefangenschaft freiwillig auf Stolpen, obwohl ihr Arrest 1743 aufgehoben wurde. Das heißt, sie hat noch über zwanzig Jahre freiwillig auf Stolpen gelebt, obwohl sie all ihre Besitztümer noch hatte. Laut überlieferten Briefen von ihr war es ihr auch ein Anliegen, wieder an den Dresdner Hof zurückzukehren. Das ist (für mich) noch nicht restlos geklärt, was damals wirklich passiert ist. Zumal August der Starke lange vor ihr gestorben ist und es kaum noch Gründe gab, die Gräfin auf Stolpen zu lassen. Sie hat auch mehrfach schriftlich um Freilassung gebeten. Ich werde das nochmal nachlesen.

 

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Aber zurück nach Nossen ins Jahr 1716: Von Preußen aus unterwegs musste man mit Frau von Cosel eine Weile in Nossen bleiben, da sie schwer erkrankt und nicht mehr reisefähig war. Heute vermutet man einen Schlaganfall, da sie vorübergehend auch teilweise gelähmt war. Nach ca. vier Wochen, am Weihnachtstag,   brachte man sie dann von Nossen aus nach Stolpen. Man kann sich vorstellen, wie sie sich an diesem Tag gefühlt hat. Sicher hoffnungslos, einsam, gesundheitlich angeschlagen und sehr traurig.

 

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Im Zusammenhang mit Frau von Cosel empfehle ich Dir: "Sachsens Glanz und Preußens Gloria", eine sehr gute Spielfilmreihe der DEFA aus den Jahren 1985/87. Hier geht es um sächsische und preußische Geschichte, auch um die Gräfin von Cosel. Der Schauspieler, der August den Starken spielt, ist der unvergleichliche Dietrich Körner. Guck es Dir mal an, diese Filme sind sehr sehenswert und wirken nicht "alt".

 

Außerdem spielen hier die besten Schauspieler von damals mit,: Marita Böhme, Monika Woytowicz, Eberhardt Esche, Alfred Struwe, Rolf Hoppe und viele andere. Bei der Stimme des Erzählers (super: Walter Niklaus!) kann man sich gemütlich in die Sofaecke kuscheln und die Intrigen am Dresdner Hof verfolgen.... Ein Tipp für neblige Herbstabende..... Außerdem sehr lehrreich. 

 

Gibts als Streaming bei Amazon oder auch auf DVD.

 

Hier ein Trailer für Dich zum Reinschauen. Wenn sich nach dem ersten Anklicken das Fenster öffnet, klicke auf " Video auf youtube anschauen".

 

 

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Das ist nur eins von vielen Dingen, die unser Schloss Nossen erlebt hat.

 

Zum Beispiel 1712 wurde hier ein Mitglied der berühmten sächsischen Räuberbande "Schwarze Garde" des berüchtigten Räubers Lips Tullian nach seiner Festnahme in Roßwein gefangen gehalten, nämlich der "schöne Böttcher", Christian Eckholdt.

 

Und im Jahr 1813 übernachtete Napoleon Bonaparte hier mit seinen Truppen. 

 

Aber diese Geschichten erzähle ich Dir ein anderes Mal. 

Räuber Lips Tullian (war nicht selber auf Schloss Nossen, aber sein Kollege "der schöne      Böttcher"),  zeitgenössiches Blatt, www.naundorf.org

Schloss Nossen, 1835, Lithographie, www. zvab.de

Napoleon Bonaparte (Maler: Jaques-Louis David), www.wikepedia.de

 

Ich möchte Dir noch was empfehlen. Und zwar das Weingewölbe Nossen, ein schönes und besonderes Restaurant.  Es liegt gleich am Schloss, im Deutschen Haus, Du kannst es gar nicht verfehlen. Eingang ist im Hof. Reservierung vorher empfiehlt sich.

 

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Quelle: www.weingewoelbe-nossen.de
Quelle: www.weingewoelbe-nossen.de

 

Der Maulwurf und ich haben einen schönen Abend. Uns gehts gut, vor uns liegt ein freies Wochenende. Wir wünschen Dir das auch.

 

Pawel auf Schloss Nossen
Pawel auf Schloss Nossen

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